Günther Anders-Archiv


Die Totenpost

 

Elegien

1945–1952

 

von

 

Günther Anders

 

 

 

 

Inhaltliche Vorbemerkung

 

 

Im Jahre 46 landeten in meinem Zimmer in New York unangemeldet sieben Fässer, die angefüllt waren mit den Briefen, Dokumenten, Bildern, Tagebüchern, Andenken, Schlüsseln, Briefen der letzten vier Generationen meiner Vorfahren. Meine Eltern hatten diese Fässer kurz vor dem Kriege abgesandt, und zwar an eine Auslandsadresse, die sie selbst noch erreichten, während die Fässer in die Kriegswirren gerieten, unerwartete Odysseen durch alle Meere zu bestehen hatten und erst nach dem Kriege ihren Bestimmungsort erreichten. Dort freilich fanden sie die alten Leute nicht mehr vor – die waren unterdessen gestorben – aber gierig, irgendwo Ruhe zu finden, stöberten sie meine Adresse auf, und eines Tages waren sie da und verlangten die den Toten zustehenden Ehren.

 

Bei der Öffnung dieser „Totenfässer“ stürzte nun die ganze Vergangenheit (selbst die dem Überfallenen bis dahin unbekannte) wie eine Sturzwelle in das Zimmer. Die Elegieen bestehen nun aus Begegnungen mit den Toten und aus der Beschreibung des verzweifelten Versuchs des so Überfallenen, jedem, ehe er zum zweiten und endgültigen Male sterben muß, noch einmal sein Recht, mindestens seinen Platz in der (unterwegs vollkommen durcheinander gerateten) Reihenfolge der Geschlechter zukommen zu lassen. Also eine Art von Totenfeier.

 

Günther Anders

 

 

1.                                                                                     Die Ankunft

 

 

 

Die Totenfässer

 

 

Da standen sie mit ihrer Schattenfracht

und waren da. Erstaunt und voller Mißtraun

vor so viel Stille. Daß sie selbst einmal

zuhaus gewesen (anderswo, im fernen)

verlornen Erdteil) und vor fünfzehn Jahren

(am ersten Sturmtag ihrer Überfahrt)

von Wand zu Wand und auf- und niederrollend

ihr Schicksal noch beklagten – alles dies

ist längst vergessen. Nur die Meere

sind heute ihr Zuhause. Herrenlos,

verflucht zum Immerweiter, ohne Hoffnung

die Reise hin, den Weg zurück, von Boot

zu Boot geworfen, gestern noch gemeinsam

und heut alleine fahrend, dieses Mal mit

Waffenfrachten, nächstes Mal mit Öl,

mit Erz die nächste Reise – also waren

die sieben Fässer fünfzehn Jahre lang

umhergeirrt. Und dennoch unbeirrbar,

und nur, um doch noch eines Tags bei mir

als Sieger einzulaufen.

                                           Unerwünschte,

sehr unwillkommne Gäste seid Ihr mir,

Ihr Sieben aus dem Orkus! Wer verriet Euch

auf Hoher See mein heimliches Versteck?

Und wer befahl, den unbewehrten Enkel

im Schlaf zu überfallen? Was erhofft Ihr?

Trost vom Untröstlichen? Gerühmt zu sein

vom Ungerühmten? Opferdienst vom Opfer?

Betrognes Glück! Werft Euer Steuer um

zu neuer Fahrt! Bei Toten ist für Tote

kein Trost, kein Ruhm, kein Opfer und kein Grab.

 

 

 

Die Fragen

 

 

Und stehen heute noch. Kaum angerührt,

doch etwas schon vertrauter. Denn ein Zeichen

trägt jedes von der Reise. –

                                                      Warum hängt

dies Bündel Tang, besetzt mit Anemonen,

aus Deinen Ritzen? Welcher Sturm hat so

sein Spiel mit Dir getrieben? – Und Ihr beide,

besät mit Etiketten: was verrät

der rote Stempel „Sidney“? Habt Ihr wirklich

dort unten übernachtet? – Und Du, Vier,

in Rio de Janeiro? Welcher Irrtum

verschlug Dich in den Speicher? – Und Dich, Fünf,

nach Kanada? – Und, Sechs, Dein Eisenreifen,

massiv und blinkend, schwedische Faktur:

Wer hat Dir ausgeholfen? – Böse, Sieben,

klafft Deine Wunde? Wessen Beil hat so

Dich zugerichtet? Wessen Hoffnung hast Du

arg enttäuscht? Und wo, auf welchem Kai,

verströmtest Du vorzeitig Deine Schatten? –

Und Acht, Faß Acht, wo bist Du? Denn der Frachtschein

(vor fünfzehn Jahrn vom Vater ausgestellt)

verzeichnet acht. – Als einziges untäuschbar

durch falsche Hoffnung?

                                                      Oder hat das Meer

Dich so verführt, daß bei dem Rufe „Landen“

schon nichts mehr in Dir aufklingt? Und befährst

als Tramp auch heute noch die alten Straßen?

Wo bist Du jetzt? Wo fährst Du? Welchem Ziele

ziellos entgegen? –

                                                      Oder wäre etwa

vielleicht auch dies: Dein Wandern, schon vorbei?

Und träumend rollst Du längst auf dunklem Grunde

schon hin und her, mit grünem Moos geschmückt

und schon besteckt mit Muscheln? Deine Reise

war wirklich nun am Ziel? Und Deine Toten

sind wirklich tot, wie sich´s gebührt: zum zweiten

und letzten Mal gestorben? Und Berlin

ist Schlamm geworden? Breslau die Behausung

von Tintenfisch und Qualle? Und die Krabbe

durchwandert friedvoll das Briefpapier

des vorigen Jahrhunderts?

                                                      Steigt zuweilen

ein Bläschen Fichtenduft aus Schreiberhau

als Silberperle an die Oberfläche?

            *

Acht Fässer nennt der Schein. Wo bist Du, Acht?

 

 

 

Der Überfall

 

 

Aus sieben Fässern quolls. – Und hingehockt

drei Nächte lang und zwei nachtgleiche Tage

saß er am Boden. Aus den Fässern flossen

die Ströme des Gewesenen, und sie trugen

ihm Botschaft zu und Namen. Wasserfälle

von Ansichtskarten sprangen übern Rand,

und Briefregatten trieben um die Wette

und Flotten von Depeschen auf ihn zu

und türmten sich in schäumender Liebkosung

um seine Knie, als gelte ihre Gier

alleine ihm – und war doch nur ihr nie mehr

erhofftes Glück, nach so viel Wartejahren

mißgegönnten Sterbens, doch zuletzt die Klippe

zu finden, wo ihr Schiffbruch noch gelang.

 

Und er am Boden: ach, nur Atemnot

und Angst und Abwehr: Und mit beiden Händen

zum Schein die Brandung schlagend.

                                                      Und jedes

kam, unabweisbar, segelnd doch zurück,

und lag in seinem Schoß´als stummer Vorwurf.

Und selbst der nie zuvor geöffnete

uralte Umschlag sah ihn flehend an

um erste und um letzte Kenntnisnahme.

 

 

            *

 

 

 

1.               Die Post

 

 

Noch einmal schreiben

 

 

Ein schweres Konfolut in schöner Schrift:

„Das Zeitwort im Chinesischen: Genese

und derivierte Formen.“ Und am Rand,

von eigner Hand und dreimal unterstrichen:

„Kapitel Sieben unverantwortbar.

Noch einmal schreiben!“

                                        Über diesem Urteil

verstarb im Jahre 1860

Großvaters Vater. –

                               Lieber Urgroßahn!

erlaß mir den Gehorsam. Welches Zeitwort

hat heute Recht auf Zukunft, wo die Zeit

in Trümmern liegt, und mehr als ein Kapitel,

und dieses Mal verantwortbar von unsrer

geschwärzten Hand geschrieben werden muß?

 

 

            *

 

 

Der Schattenriß

 

 

Ein Arbeitstisch, aus schwarzem Glanzpapier

behutsam aufgeschnitten. – Und als Text:

„Bei bessren Honoraren folgt massiv

der schwere Tisch der leichten Tischidee.“

 

Ein Arbeitstisch? O nein, nicht irgendeiner.

Der  Tisch für mich. Das einz´ge Stück Zuhaus,

das übrigblieb und ungefragt den weiten

Weg zu mir hergefunden. – Ja, Du bist´s,

Du altes Stück! Und dies hier ist Dein Urbild.

 

Er durfte sich´s erlauben. Denn wer täglich

sich so verschenkte, ach, dem konnt es schon,

dem durft es schon passieren, daß er manchmal

(selbst seiner Frau) auf den Geburtstagstisch

nur Schatten legen konnte.

                                           Und wie listig

er sie versteckte: zwischen Wäschestücken

und Taschentüchern (Dingen, die uns nie

Geschenke schienen), bis aus einem plötzlich

der Schattenriß entrollte. Und wie ernst

er selbst zuerst den Überraschten spielte,

um dann mit uns zu jubeln. Ach, wie liebten

wir Kinder diese Streiche! Der Geburtstag

schien wochenlang verlängert. Denn da gabs

kein Ding in keinem Laden, das sehr lange

der Lockung solchen schwarzen Ebenbilds

sich widersetzen konnte. Eines Tages,

noch widerspenstig, stand im Korridor

das Schaukelpferd. Der schwarze Geigenkasten

auf dem Klavier. Und selbst das Fahrrad kam

dem ausgeschnittnem Vorbild nachgeradelt

und lehnte an der Wand, als hätt es nie

je anderswo gestanden. –

                                           Lieber alter

zerbrochner Arbeitstisch! So bist auch Du

zur Welt gekommen: mächtig angezogen

von solchem kleinen Schatten. Diesem hier,

so frisch und heut noch lockend. Habt Ihr beiden

nicht längst vielleicht die Rollen ausgetauscht?

Bist Du nicht heut der Schatten? Und alleine,

aus Glanzpapier geschnitten, die Idee

blieb unzerstört und etwas wen´ger sterblich?

 

 

            *

 

 

Die Ungeladenen

 

 

Blicklos die Brille, fingerlos der Ring

und ohne Schloß der Schlüssel: ungeladen

besetzten die drei Gäste meinen Tisch,

und jedes fragte seines. Erst der Schlüssel:

„Wo blieb mein Schloß?“ Und dann der Fingerring:

„Wo blieb mein Menschenfinger?“ Und die Brille:

„Wo blieb mein Augenpaar?“ Und saßen wartend,

drei ungeladne Gäste, mir am Tisch.

 

Sehr leicht zu höhnen, sprach ich. Euer Dasein

reicht nicht einmal zum Sterben. Und nur uns

verdankt Ihr Eure Dauer. Ewigkeit

ist mangelhaft. –

                          Und schob sie übern Rand.

 

 

 

Was blieb

 

 

Und diese Karte, Mutter, hast Du selbst

die Karte je gelesen?

                                   „Beste Wünsche

zum zweiten Kind!“ (Ja, dieses zweite Kind

bist Du gewesen.)

                               Wie entsetzlich sauber,

fast heute noch verwendbar, sicher nie

berührt mit Deiner Ankunft, ach, beinahe

unsterblich schon, die Karte Dich und uns

und alle überlebt hat! Denn wie Zunder

zerfiel das Kommende. Und selbst das heut

noch kaum geglaubte: schwarzumrahmt die letzte

Erwähnung Deines Namens ist schon Staub.

 

 

 

Die Arbeit

 

 

Kein Früher oder Später. Zeitgenossen

sind alle Toten. Schamlos hat der Sturm

die Schatten durchgeschüttelt. Wie verschlungne

Seepflanzen hängen Jahre, die sich nie

begegnet waren und entfernteste

Geschlechter ineinander. Hier und da

ein ahnenloses Stück, herausgehaun

aus einer Kette.

                          Also sitzt er ordnend

und knotet und entknotet: ob vielleicht

ein letztes Mal die Kette noch gelingt.

 

 

 

Die Begegnung

 

 

Und dann ein Bogen, rosa und liniert,

mit einem Satz in Schönschrift (doch mit scheußlich

verklextem Ringel „s“):

                                        „Ich möchte Schlittschuh

mit Schnörkeln wie an Vaters“. Und mein Name.

Wunschzettel also. –

                                   Und dies ausgerissne

Glied meines Lebens hat nun vierzig Jahre

mit Toten nur im Schattenreich gewohnt.

 

„Was treibst den Du da unten?“ fragt ich ihn,

„rechtzeitig fahnenflüchtig?“

                                               „Gut laviert?“

entgegnete der Knabe, „Du da oben,

erfolgreich überwintert?

                                        Also neidisch

aufs Leben er, und ich auf seinen Tod,

verspotteten einander Kind und Alter.

 

 

 

Der falsche Gang

 

 

In Mutters Bündel hockte unberührt

(für wen verwahrt und gegen wen versiegelt?)

ein zweites Bündel mit der Aufschrift: „Briefe

von meiner Mutter“. Und in diesem saß

verschnürt ein drittes mit der gleichen Aufschrift.

 

So weisen, uns zum Spotte, die verfluchten

Dämonen der Erinnerung den Gang

in falsche Richtung: Embryonenhaft

im Kinde sitzt die Mutter, und die Mutter

gebiert die Ahnin. Immer noch gewesner

entspringt´s dem Schoße der Vergangenheit.

 

 

 

Die verschlossene Zukunft

 

 

Und dann ein Brief, noch heute zukunftsvoll,

nie abgesandt (die grüne Marke „Preussen“

harrt heute noch vergeblich auf den Stempel).

Ich ließ ihn ungeöffnet. Wer ihn schrieb,

wird niemand mehr erfahren. Nur den Namen

des ahnungslosen Mädchens, das den Brief

nie lesen durfte:

                               „Fräulein Anna Krüger,

hochwohlgeboren, Offenbach a. M.,

Am Platze Nr. 7 hab ich sinnlos

mir abgeschrieben. –

                               Liebes Fräulein Krüger,

wo liegt Ihr Grab? Und war Ihr Herz verzagt,

als dieser Brief nie ankam? So viele Tage

und so viel Wochen, so viel Jahre nicht?

Wie lang hielt Ihre Hoffnung? Ach, zum Trösten

ist´s heut, nach hundert Jahren, viel zu spät!

Ich weiß, ich weiß! Und dennoch solln Sie´s wissen:

Geschrieben hat der Mann. Hier ist der Brief.

Und wichtig war er ihm. Sonst hätt er niemals

den schon verschlossnen doch nicht abgesandt

und dennoch aufgehoben. Ach, das hätten

Sie damals wissen sollen: Nur am letzten,

am allerletzten Mut hat´s ihm gefehlt.

 

 

 

Das Haar

 

 

Und daran hing (mit dem gummierten Rand

zufällig angeklebt) reinlich beschriftet

ein kleiner Umschlag: „Clara, sieben Monat“.

Und darin eine Strähne, weißlich blond.

 

O fernstes Kind! O liebste Mutter! Einmal

im fremden Erdteil wirst Du elend Dich

zu Tode quälen!

                          Ach, von Deinem letzten

und längst schon wieder weiß gewordnem Haar

verblieb mir nichts. Und nicht einmal die Asche.

 

 

            *

 

 

Danke und Adieu

 

 

Darunter lag ein angegilbtes Photo,

Daguerrotyp: ein Ehepaar, Florenz

als Hintergrundsattrappe. Hochzeitsreise

um 1870. – Er Pince-nez

und schon behäbig. – Sie: kaum achtzehnjährig,

ein sehr erregend in Pariser Stil

geschnürtes Mädchen. Doch ihr Blick verdüstert,

als hätte sie auf andre Dinge Recht

als Kirchen und Museen, und zum Lieben

bestimmt auf einen Bessren. – Heute schon,

schon heute haßt sie ihn, als hätt sie alle

zukünftge Qual im Voraus destilliert.

 

Wie kläglich ist´s, so spät Prophet zu sein,

und nur noch klagen dürfen. Sieben Kinder

von diesem ungeliebten Manne stehn

ihr noch bevor, und mit ihm zwanzig Jahre.

Bedenke: zwanzig Jahre Tag für Tag

und siebentausend Nächte, wo sie heute schon,

schon heut, am ersten Morgen, ohne Scham

den Weg verrät, den sie in zwanzig Jahren

betreten wird. (Vor sechzig Jahrn betrat.)

 

Blick fort, vertrotztes Mädchen! Was erhoffst Du

von mir, dem Fremden? Sieh, ich bin schon grau,

und Du erst achtzehn. Oder gilt Dein Blicken

vielleicht ganz andren Dingen? Einem Haus

weit hinter mir? Und ich, noch ungeboren

und noch für lange Zeit nicht vorgesehn,

bin Luft in Deinen Augen? Ach die Rede

von „früher“ oder „später“, „jung“ und „alt“

scheint unentwirrbar.

                                   Dennoch, liebe Ahnin,

in diesen Zeiten, die nun vor Dir stehn,

wirst Du die Pflicht erfüllen, ohne die

auch ich nicht da sein werde. –

                                                    Danke, Ahnin,

für Mühen und für Schmerzen. Und adieu.

 

 

 

Die Fichte

 

 

Und dann ein Aussichtsturm „Luisenhöhe“

gestempelt „Schierke“. –

                                           „Liebe Mutter“, schreibt er,

sechshundertdreizehn Meter überm Meer

schweb ich nun über Dir.“

                                             Die Unterschrift

ist wild umrankt von Schleifen. Erste Ferien.

Das Jahr hieß „Einundachzig“. Er war zehn,

 

Die eingelegten Fichtennadeln duften

wie Wald im letzten Herbst. Die siebzig Jahre

sind nie gewesen. Harzig steigt der Stamm

im fremden Land durchs fremdmöblierte Zimmer

ins fremdeste Jahrhundert. Ach, der Gruß

hat still Euch überdauert, und das Tote

beschämfte Euer Leben. Wo seid Ihr?

 

 

            *

 

 

Die kurzsichtige Frage

 

 

Ach, Vaters Schul- und Ferientage stiegen

mit Schlittschuhbahn und erstem Figaro

so deutlich mir vor Augen, daß ich angstvoll

das Bild befragte: „Sprich, wer bist Du, Kind?

Der Vater oder ich?“ –

                                      „Kurzsicht´ge Frage“,

erwiderte der Knabe. „Kannst denn Du

den Ahnen noch vom Urahn unterscheiden?“

 

 

 

Das Amulett

 

 

Und dann ein Wisch (die Handschrift scheint schon beinah

die Zitterschrift des altgewordnen Manns,

die dreißig Jahre später mir so oft

schlaflose Nächte machte). Und er lautet,

datiert aus Breslau, 1906

den dritten März:

                            Bis fünf Uhr frühe saß ich

an seinem Bett. Und alle Nase lang

rief er nach Wasser. Doch, gottlob, das Fieber

ist nun vorbei. Nun sitzt er schon und baut

sich Iglus aus den Kissen.“

                                             Und P.S.:

„Anbei in Kurzschrift einige Notizen,

die ich bei Nacht an seinem Bett entwarf.

Ich zweifle noch. Doch eines Tages könnten

sie brauchbar werden.“

                                      (Ja, „Notizen“ schrieb er.

Drei Jahre später waren sie ein Buch,

und wohl sein bestes. – Und das Kind, das damals

bis fünf Uhr früh und alle Nase lang

nach Wasser rief, war ich.)

                                             Doch diesen Zettel

verwahr ich gut als Liebesamulett.

 

 

 

Dunkles Land

 

 

Rückwärts erobernd hab ich gut den Weg

zu Euch gebahnt. Und Eure Kindheit leuchtet

vertraut vor meinem Auge.

                                             Nur die eigne

bleibt dunkles Land und uneroberbar.

 

 

            *

 

 

Der Abklatsch

 

 

Aus blassem Photo lugte, halb von Fremdem

noch zugedeckt, doch freundlich schon im Gruß,

ein Augenpaar, von altersher geläufig,

und Stirn und Wange waren ebenfalls

vertraute Gegend. Nur der Eigentümer

war unbekannt, und alle Suche blieb

(und selbst im dunklen Land der Kindheit) ohne

den Mann mit diesen Zügen. –

                                                  Amüsiert

besah er mich: „Mein Sohn, so wirst Du niemals

Antwort finden“, sprach er. „Denn Du suchst

in falschem Land. Befrage Deinen Spiegel.“

 

Und siehe da: aus meinem Spiegel trat

der so Vertraute staunend mir entgegen

und Zug um Zug des Bildes Ebenbild.

„Gefällt Dir das?“ so fragte voller Zweifel

der alte Herr, „sehr wenig scheinst Du mir

Du selbst zu sein. Was Du und Deine Eltern,

Geschwister, Frau und Freunde Dein Gesicht

und Deine Züge nannten – ach wie lange

ist das schon im Gebrauch! Denn meines selbst

war nur ein Abklatsch, unter tausend eines,

von plumper Hand dem Urbild abgeformt

und fortgeworfen. –

                                 Blindlings streut der Töpfer

die Masken in die Winde. Wann und wo

und wem sie zufliegt, wer als erster Träger

sie seine nennt – geliebter Ururenkel,

kein Grund zum Neide! ,Früher` oder ,später`

sind bloße Worte. Oben gilt allein

die allererste Fassung, nur das Vorbild

(und sicher ist auch dies längst abgenutzt

durch täglichen Gebrauch und unerkennbar.)

Wir beide, Du und ich, ob auch getrennt

durch hundertjährige Kluft, wir zählen gleich,

wir zählen nichts und höchstens (wenn Dich Worte

noch trösten können) als ein Bruderpaar.“

 

So scherzend übers Tal der hundert Jahre

der ältre Bruder. Finster hört ich zu.

Und seitwärts blickend, seine Schadenfreude

mit meiner strafend, riß ich ihn entzwei.

 

 

            *

 

 

Das Silberröhrchen I

 

 

Ein Kästchen, schwer zu öffnen. Und in rosa

wattiertem Bett ein kleines Silberrohr,

gestempelt „sana“. Und darunter, winzig

„Dum spiro spero“. –

                                   Rätselhaftes Ding,

ich wende Dich von rechts nach links und lese

vergeblich Deinen Wahlspruch. Welchem Zweck

hast Du gedient? Vielleicht als Silberfassung

um eine Pfeife? Oder warst Du einst

das Mundstück einer Flöte? Irgendetwas

für irgendwen sehr Ungewöhnliches

mußt Du bedeutet haben. Denn wer hätte

dich sonst so weich und rosa auswattiert

wie ein Juwel für ewig aufgehoben?

 

 

 

Die beneidete Sitte

 

 

Gieß Opfer aus für Vater und für Mutter

im Totental, daß Gleiches einst Dein Sohn

mit Gleichem Dir vergelte –

                                               so verlangte

das Totenbuch Ägyptens. Und wie fröhlich

und zuversichtlich Kind und Kindeskind

zu Tale zog, die Körbe hochgeschichtet

mit Schalen und mit Krügen, um den Dienstag

sorgfältig zu erfüllen. Lärmend kehrten

die Kinder dann nach Hause. Reichlich schien

das Totenvolk gesättigt, und das Leben

versöhnt durch die Erfüllung. –

                                                    Ach, wie wüst,

und neben ihrem Dienst wie ungesittet

sind unsre Opfer! Niemals vorgesehn

und niemals wiederholbar! Welche Speisen

erquicken unsre Toten? Welcher Wahn

kann uns versöhnen? Also ausgestoßen

und ohne Hoffnung müssen wir´s bestehn.

 

 

            *

 

 

Die Abgelebten

 

 

Wie viele Jahre war ich, ohne je

mich umzuwenden, immer weiter nur

und weiter noch geflogen, herkunftslos,

mutwillig ohne Ahnen, keine Stelle

„zuhause“ nennend (höchstens das noch nie

gekannte Ziel) –

                            und irgendwo weithinten

auf kahlem Aste blicklos hingehockt,

im Kreise seiner Kinder, schlief uralt

das Ahnentier: die Eule meines Ursprungs. –

 

Da sind sie nun, die längst schon Abgelebten,

und lärmendeer als jemals über Nacht

mir nachgejagt in ungebrochner Reise

und flügelschlagend und mit scharfem Krähn

erklären sie, kein Anspruch sei verjährbar,

sie hätten mühsam nur mich hier entdeckt,

und hier und jetzt (daß die Ruinen rauchen,

was kümmert sie´s?) hätt ich bereit zu stehn

zu stündlicher Verfügung. Widerrede

scheint keiner zu erwarten. Welchen Dienst

sie mir befehlen, blieb mir unbekannt.

Ich fragte viel. Ich hörte nichts: Sie scheinen

so taub zu sein wie lärmend. Also steh ich

umschwirrt in ihrer Mitte und besiegt.

 

 

            *

 

 

Die Beneideten II

 

 

Wie gut sie´s früher hatten: Mitternächtlich,

zum Feste der Lemuren, stand der Herr

des Hauses auf, wusch dreimal seine Hände,

und dreimal rufend: „Vägerliche Manen,

hinaus mit Euch! Zum zweiten Mal hinaus“

Und zum dritten Male!“ spie er neun

geweihte Bohnen über seinen Herd,

und alles war bereinigt. Die noch eben,

begierig, ihre Hausgewalt für heut

und ewig zu beweisen, eifersüchtig

auf Kind und Kindeskinder, unterm Dach

gepoltert und im Ofenloch Grimassen

geschnitten hatte – all ihr Ahnenspuk

stieg kraftlos durch den Rauchfang. Und getröstet

durchwanderte das Enkelkind als Herr

und Meister seine Räume. –                           (Ovid Fasti 443 ff.)

                                               Aber wir,

wir sittenlos, wir glaubelos, wir ohne

die kleinste Hoffnung – ach wer lehrte uns

die Formel, die das Lärmen der Lemuren

zum Schweigen brächte? Welcher Enkel mußte

mit solchen Schatten und so ungeschützt

wie wir die Nacht durchwachen?

                                                      Und doch komme

mir Keiner, mich zu trösten: nicht der Freund,

und nicht einmal die Liebe. Glaubenslos

heißt: glaubenslos für immer. Und auch diese

hilflose Nacht verdämmert einst im Tag.

 

 

            *

 

 

Die benachbarten Tage

 

 

Auch Briefe fand ich: einen, undatiert

von seiner Mutter (damals sicher jünger

als heute Du):

                        „Verlier nicht die Geduld!“

ermahnt sie ihn. „Sehr reich wird Deine Zukunft!“

 

Ja, reich ist sie geworden. – Aber leider,

für unser spätes Auge, ach, wie nah

und nachbarlich liegt heut der heiß erhoffte

zukünft´ge Tag beim Tage ihres Hoffens!

Und nur ein sehr bemühtes Auge kann

zwielichtig noch den Abstand unterscheiden.

 

 

            *

 

 

Das Silberröhrchen II

 

 

Und dann ein Wisch: die hingeworfne Skizze

zu einem Bettelbrief um fünfzig Mark

mit dem Vermerk „privatim“.

                                                  „Sehr verehrter...“

(der Name fehlt) „ich bin mir voll bewußt...“

(drei Zeilen frei) „gewiß sehr ungewöhnlich...“

(und dann energisch:) „Meine Mutter liegt

mit Kehlkopfschnitt. Die Firma drängt auf Zahlung

für die Kanüle.“ – Und: „P.S.: Vielleicht

durch fünfzig Stunden Tacitus begleichbar.

Mit bestem Dank im Voraus (oder nur

verbindlichst dankend)“. Namen. Und: „Primaner“.

 

Ihr armen Leute! Wer von Euch verdiente

die erste Tröstung? Du, die kranke Frau,

die nichts als sterben möchte und drei Wochen

doch auf Kredit noch atmet? Sitzt Dein Sohn

nicht liebend Dir am Bette? Hat nicht er

das erste Anrecht? Er, der siebzehnjähr´ge,

der diesen Brief an Deinem Sterbebett

ausdenken mußte, und noch viele Wochen,

nachdem Dir längst Dein Röhrchen nicht mehr half,

mit Tacitus die vorgeschossne Summe

in Raten abgezahlt?

                                 Und selbst das Kind,

das arme Opfer Deines Silberröhrchens,

mit seinen fünfzig Stunden Tacitus,

ist wenig zu beneiden.)

                                      Nur der Vater

scheint Hilfe nicht zu brauchen. – Herr ich hoffe,

Sie haben diese Anstandspflicht sofort

und ohne Quittung per expreß erledigt.

 

 

 

Die Söhne Noae

 

 

Und dies und jenes las ich gerad nur an,

der Söhne Noaes denkend, die den Vater

im Garten fanden, schlafend aufgedeckt,

und abgedrehten Blickes (seine Schande

schon jetzt vergessend) schweigend in sein Haus

und auf sein Lager trugen.

                                           Keiner habe

den unerlaubten Anblick und die Tat

jemals erwähnt. In stummem Einverständnis

und liebender Vergeltung hätten sie

sofort den alten Mann mit siebenfacher

Sorgfalt betreut und siebenfach geehrt.

Kein Gott, den sie bemühten. Eh die Himmel

die Schande noch bemerkten, war sie längst schon

gelöscht durch ihren zärtlichen Betrug.

 

 

            *

 

 

Der dunkle Rest

 

 

Und dann ein Brief aus ihrem achten Monat,

ein Tochterbrief, geschrieben kurze Zeit

bevor ich ankam. Doppelt unterstrichen

und ominös die Aufschrift: „Ganz privat,

nur für Mama! Und später erst zu öffnen!“

 

(Wie deutlich ich sie vor mir seh, die alte

zu Tod erschreckte Dame, wie sie beinah

den Umschlag aufbricht, doch beinah nur,

und angstvoll wieder fortschiebt und am liebsten

den Inhalt erst erriete und umsonst

die Brauen faltet und zum zweiten Male

ihn näherzieht und schon zur Nadel greift

und wiederum, und wieder nur beinahe,

den Umschlag öffnet.)

                                      Also ward der Brief

sehr spät erst aufgebrochen. Denn kein Auge

hat je die sieben Seiten, bis zum Rand

mit Schwermut angefüllt und Dunkelheiten,

mit Widersinn und Unsinn, und diktiert

von Haß auf mich und Abscheu vor sich selber,

jemals vor mir gelesen. Ach, selbst er,

der stets zu trösten wußte, ach, selbst Vater

hat nie davon erfahren. Denn voll Hohn

und Eifersucht (o, traurige Verstörung!)

berichtet sie, er sitze nebenan,

ganz ahnungslos und heiter, und erfinde

ein neues Bild vom Menschen. –

                                                      Und erst ich,

und ich alleine, heut nach fünfzig Jahren,

bereits ergraut, zwei Mal so alt wie sie

in jenen Tagen (heut ein ältrer Tröster

und Freund, so sollt man meinen) – ich alleine

bin Zeuge dieses Jammers, den ich schuf.

 

O, junge Frau: O ärmste Mutter! Gerne,

wie liebend gerne, käm ich heute noch,

Abbitte tun. Begriff ich nur, womit

ich dies Dir damals antat. Schuld und Bosheit

such ich vergebens. Was ich finde, ist

ein Würmchen nur, ein Engerling, nicht ich,

mir fremd und unerreichbar, ohne Namen

im Dunkel hockend. Und sein Dasein hatte

nicht ich gewünscht: wie kräftig auch sein Leben

ins Licht nun drängte. Ach, wie schlimm der Wurm

Dein Erdreich unterwühlte, liebste Mutter,

in vierzig langen Jahren hast Du´s nie

mich wissen lassen. Sicher hast Du´s eilig

vergessen, als ich da war. Herrlich schien

mir immer Deine Nähe: schon die Fußbank

vor Deinem Stuhl: und Winters Hand in Hand

das Schlittschuhlaufen.

                                      (Oder irr ich, Mutter?

und irgendetwas blieb, ein dunkler Rest

von Haß und Feindschaft, niemals zugestanden,

unüberbrückbar zwischen Dir und mir?)

 

 

 

Die Ausgelassene

 

 

Ein Kartengruß, belanglos. Und doch schlimmer

als alles Tote. Denn die Senderin

ist heute noch (jetzt, da ich „heute“ schreibe)

ein hundertjähr´ges Fräulein, das zuweilen

auch mir noch Karten sendet, irgendwo

aus einer Kammer in Johannesburg

(wohin ihr Neffe, längst vorausgestorben,

vor vierzig Jahren auf Brillantenjagd

verschlagen ward). Und völlig unerstaunt

lebt dieser Geist dort weiter, und zuweilen

auch mir noch Karten schreibend. Sicher lohnte

dem unmodernen Tod von dazumal,

der wie ein Landbriefträger stets zu Fuß ging,

die Mühe nicht, so weit für sie zu reisen.

 

 

 

Der Peitschenschlag

 

 

Und dann ein Brief. Kein Brief. Ein Peitschenschlag!

„Hochwohlgeborne Frau Justizrat Meyer

Potsdamerplatz.

                          Ich kenn nicht Ihr Motiv.

Doch dieses scheue und nervöse Mädchen

mit Redensarten und Moralgeschwätz

dem lärmenden und alten Fabrikanten

ins Bett zu jagen, ist gewissenlos

und fast Erpressung.“

                                   Wie das Schicksalspielen

den milden Mann empörte! Welch ein Ton

aus diesem Mund! Respektlos und begeistert!

Bist Du es, Vater? Wirklich? Warst auch Du

als Jüngling Jüngling? Ach, wie gerne hätt ich

Dich so noch kennen mögen!

                                               Und dann folgt

das Schreckbild der Misere:

                                               Reizlos sie

und unaufweckbar: er robust und Weiber

und Schnäpse liebend.“ – „Gottgewolltes Paar“,

so faßt er sie zusammen, um am Ende

die Zukunft zu enthüllen: Hysterien

und ungeliebte Kinder, Sanatorien

und Scheidung pro und contra und die Flucht

und, halb gespielt, den Selbstmord – alles richtig,

kein Wort zuviel –

                               und dennoch ganz umsonst,

denn alles wurde Wahrheit. –

                                                  Heute freilich

schon nicht mehr wahr. Denn ihre Angst verging,

der laute Fabrikant hat längst sein Lärmen

schon eingestellt, die Tochter und der Sohn

(auch sie bereits mit Kindern), deren Kommen

Du so verwünschtest, auch bereits verlöscht –

und nichts kann mehr passieren. Hysterien

und Sanatorien und der laute Mann,

die ungeliebten Kinder, pro und contra,

die vielen Fluchten und zuletzt die Flucht –

nichts ist gewesen. Liebenswürdig lächelnd

und munter sprach sie neulich: „Gar nicht schlecht,

so lang zu leben.“ Achtzig ist sie heute.

 

 

            *

 

 

Hochwohlgeborne Frau Justizrat Meyer

und liebster Vater! Kraft- und folgelos

seid beide Ihr geblieben. Nicht die Lüge

und nicht die Wahrheit siegte. Nur die Zeit.

 

 

 

 

2.               Der Abschied

 

 

 

Die Ordnung

 

 

Da liegt Ihr nun, sorgfältig aufgereiht

in altbewährter Ordnung. Jeder wieder

auf seinem Platz: die Ahnen linker Hand,

und rechts die Kinder. Jeder darf  noch einmal

sich selber spüren. Tote nutzt die Zeit!

 

 

 

Nutzt die Zeit

 

 

Sehr eng ist dieser Raum, ach, viel zu enge

für so viel Tod. Und nur auf Zehenspitzen,

wie zwischen Beeten, wag ich mich umher,

um keinen zu verletzen. Ach, zu enge

sogar für uns, die zwei Lebendigen

und sind doch nur zwei späte kofferlose

Nachzügler Eurer Reihe.

                                        Darum, Tote,

benutzt die Zeit! Sehr lange kann hier Keinem

Obdach bewilligt werden. Morgen kehrt

die Lebende zurück. Und ihre Rechte

sind stärker als die Euren. Jetzt schon rollt

durch Wind und Flocken irgendwo im Dunkel

ihr Autobus. Und wenn sich morgen still

die Klinke senkt, muß Eure Frist schon lange

vorübersein. Nichts darf der müden Frau

verraten, daß Ihr hier ward. Euer Betteln

ist ganz vergeblich. Diele, Tisch und Stuhl

wird morgen Euch verleugnen. Keine Träne

zu Euren Ehren fließen: Reiner Trug

(ich warnte Euch!) war Euer Aufenthalt.

Und diese Nadel hier (ein kleines Beispiel),

die sie seit langer Zeit, weiß ich, warum,

doch gern hier liegen hatte – morgen liegt sie

am alten Platze wieder. –

                                           Sieben Säcke

erwarten Euch im Keller. Nutzt die Zeit!

 

 

 

Das zweite Sterben

 

 

In welchem Buch des Lebens hatte wer

dies vorgemerkt, daß Eure letzte Stunde

hier enden sollt? Hier im fernen Land

und fremdesten Jahrhundert?

                                               Ach, wie gut

die Alten es begriffen: Jeder Tote

­– so lehrten sie – hat nach bemessner Frist

zum zweiten Mal, und diesmal durch Gewalt

zum letzten Mal zu sterben. Macht Euch fertig!

Die Frist ist um. Schon leuchtet gegenüber

das erste Licht. In wenigen Minuten

nimmt Mac, der schwarze Heizer, ungestüm

und stürmisch Eure Seelen in Empfang.

 

 

            *

 

 

Die Überlebende

 

 

Nur Du, gemalte Ahnfrau (namenlo0se,

nurfern verwandte, ach, dem Vater schon

kaum mehr vertraut, und nur dem schweren Rahmen

zuliebe als Familie aufbewahrt) –

nur Du wirst überleben.

                                        Mac hat eben

voll Ehrfurcht und verschämt mich angefragt,

ob er vielleicht an meiner statt die „Mutter“

(so nennt er Dich), solang es mir beliebt,

Dich auszuleihen, bei sich betreuen dürfte.

Was ihn bewegt, Dich, Ahnfrau toten Volks

aus fremdem Kontinent zu adoptieren –

ich weiß es nicht. Doch ward der Handel rasch

zu Deinem Besten und zu seinem beinah

unbänd´gen Glück durch Handschlag festgemacht.

Denn Eines weiß ich sicher: Mac, der Gute,

wird besser Dich betreuen, als Du´s je

bei uns gekannt hast, und Dich besser lieben

als unsereins, die wir als Rahmen nur

und Last Dich weiterschleppten. –

                                                         So beginnt denn

gemalte Ahnfrau, Deine Gnadenfrist

ganz unverdient noch einmal: würdevoller

als je zuvor, und neben unsrer kaum

einmaligen Dauer beinah schon unsterblich.

 

So leb denn wohl! Schon heute abend wirst Du

bei Mac im guten Zimmer überm Bett

ehrwürdig prangen. Und im Lauf der Jahre

für Kind und Kindeskinder: dunkles Volk,

zur Stammesmutter werden. –

                                                  Laß Dir´s gut gehn

und grüße mir die Deinen, Deine neue

vielköpfige Familie, und zuletzt

mit heißem Wunsch und unbekannterweise

das kommende Jahrhundert!

                                               Lebe Wohl!

 

 

 

O, kehr zurück

 

 

Die Fenster auf! Denn Mac hat zuverlässig

sein Wort gehalten. Unser Zimmer glüht

vom Feuer des Gewesenen. Ungeschieden,

als eine Flamme steigt und fällt die Kraft

des hundertfachen Lebens. –

                                               Und nur Einer,

vom Wirbelwind der Zeiten ungefragt

hochaufgeweht und auf der letzten Sprosse

des eisigen Jahrhunderts abgesetzt

– tief unter ihm das Feuer – ich alleine

blieb aufgespart, um dieser kalten Nacht

die Asche zu bezeugen.

                                        Welches Jahr

mag dort, da unten, gelten? Welcher Monat

und welches Land? In welchem Dialekt

rief dort der Negerknabe? Wohin rattert

so eilig dieser Wagen? All dies kann

nicht wirklich sein. Und nur die kalten Stöße

Dezemberluft, und kratzend an der Wand,

die Regenrinnen scheinen etwas Wahres.

 

O, kehr zurück! So ahnungslos und dennoch

so abgesetzt in der entwöhnten Welt

kann niemand weiterleben. Nur mit Deiner

vertrauten Stimme, dem geliebten Schritt

im Nebenraum, und dann und wann der Frage

hinüber und herüber, und zuletzt

im gleichen Raum, und nun kein Fragen mehr,

nur noch die gleiche Antwort – so alleine

wird Heut und Morgen, werden Tag und Nacht

noch einmal wirklich werden. Komm und übe

Geduld mit mir. Denn etwas blieb ich dort.